Klimagerechtigkeit: Was bedeutet das?

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Mitglieder der Climate Justice Alliance beim People’s Climate March im September 2014. Foto: Rae Louise Breaux / www.raenorshine.com

Der Klimawandel oder vielmehr: die Klimakrise gehört zu den größten Herausforderungen der heutigen Zeit. Die derzeitige Erderwärmung ist kein „natürliches Schicksal“ oder ein reines „Umweltproblem“, sondern wird von Menschen gemacht – darin sind sich die Klimaforscher*innen fast hundertprozentig einig. Es geht im Wesentlichen darum, wie wir mit den ökologischen Gütern dieser Erde und mit anderen Menschen umgehen, was wir essen, produzieren und konsumieren, wie wir wohnen und uns fortbewegen, welche Technik wir wie nutzen und welche politischen Entscheidungen wir treffen. Der Klimawandel wirft somit zentrale Fragen nach der Zukunftsfähigkeit unserer kulturell geprägten Werte und nach globaler Gerechtigkeit auf – eben der Klimagerechtigkeit.

Klimawandel: Ursachen und Folgen

Der Klimawandel ist ein sehr komplexes Phänomen: Stark vereinfacht kann er auf zu große Mengen sogenannter Treibhausgase (CO2, Lachgas, Methan) in der Erdatmosphäre zurückgeführt werden. Diese werden seit Ende des 19.Jahrhundert zunehmend durch menschliche Aktivitäten ausgestoßen. Durch die Treibhausgase wird die Sonnenstrahlung von der Erde weniger stark ins All zurück reflektiert – die Wärme bleibt in der Atmosphäre, führt zur Erwärmung der Erde und damit zu einem Wandel der klimatischen Verhältnisse. Dieser Treibhauseffekt und Treibhausgase kommen auch natürlich vor: sonst wäre es zu kalt auf der Erde und es hätte sich gar kein Leben entwickeln können. Aber jetzt gibt es zu viele Treibhausgase und die Erde heizt sich messbar auf.

Quelle: Max-Planck-Institut für Meteorologie und Deutsches Klimarechenzentrum, Hamburg

Bilderklärung: Rechts wird von einem mittleren Temperaturanstieges bis zum Jahr 2100 von etwa 4,8 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zustand ausgegangen; links simuliert das Modell eine mittlere globale Erwärmung deutlich unterhalb von 2 Grad.

Durch die Erderwärmung ändern sich – teilweise dramatisch – die Lebensbedingungen für Tiere, Pflanzen und Menschen. Sie führt in unterschiedlichen Regionen der Erde zu Überschwemmungen und Dürren, erhöhten Temperaturen der Luft, des Bodens und der Gewässer, zum Abschmelzen von Gletschern und Polkappen, zum Auftauen von Permafrostböden, Veränderungen der Regen- und Trockenzeiten, zum Anstieg des Meeresspiegels, zu größerer Intensität von Regenfällen und Stürmen sowie insgesamt zu einer Zunahme von Extremwettereignissen.

Die letzten Jahre belegen, dass auch reiche Industrienationen immer härter von den Folgen des Klimawandels wie Rekord-Dürren, Überschwemmungen und extremen Hitzewellen getroffen werden. Seit 2003 gab es in Europa immer wieder Hitzewellen, bei denen z.B. in Frankreich und Deutschland mehrere Tausend – vor allem ältere und geschwächte – Menschen starben. Dem Klimarisiko-Index von German Watch zufolge gehörte zum Beispiel Frankreich im Zeitraum 1998-2017 zu den 20 weltweit am stärksten vom Klimawandel betroffenen Staaten. 

Eine Zusammenfassung der Auswirkungen des Klimawandels bieten der wissenschaftliche Report des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und der Sonderbericht des Weltklimarates (IPCC) vom Herbst 2018. 

Hauptverursacher des Klimawandels sind die Menschen in industrialisierten Staaten, die mit ihrem immensen Verbrauch an fossilen Energieträgern und ihrem energieintensiven, ressourcenkonsumierenden Lebensstil in der Vergangenheit für den Großteil der Emissionen von klimaschädlichen Gasen verantwortlich sind. Dagegen treffen die klimatischen Auswirkungen vor allem die Menschen in den weniger industriell entwickelten Ländern des Globalen Südens. Hier sind es wiederum die Verletzlichsten wie indigene Gemeinschaften, kleinbäuerliche Landbevölkerung, arme Familien, Frauen, alte und kranke Menschen, die unter den Folgen der Erdüberhitzung besonders leiden. Sie sind abhängig von Landwirtschaft, Gartenbau und Viehzucht und verlässlichen klimatischen Bedingungen. Zudem haben sie meist keine oder nur wenig Möglichkeiten, sich den Veränderungen anzupassen oder sich vor Extremwetter zu schützen.

Schätzungen von Fachleuten zufolge stehen mindestens ein Drittel aller Extremwettereignisse weltweit im Zusammenhang mit dem menschengemachten Treibhauseffekt. Aus klima- und gerechtigkeitspolitischer Sicht erscheint es angemessen, dass diejenigen Länder, die den Klimawandel verursacht haben, auch Verantwortung tragen und den entsprechenden Anteil der Kosten übernehmen.

Klimagerechtigkeit

Im Kern der Debatte um Klimagerechtigkeit steht somit die Erkenntnis, dass zwar alle Länder von den Folgen des Klimawandels betroffen sind oder sein werden, dass allerdings diejenigen, die am meisten dazu beigetragen haben, im Schnitt am wenigsten unter den Auswirkungen leiden (werden). Und umgekehrt: dass diejenigen, die durch ihren geringen Ressourcenverbrauch und Ausstoß von Treibhausgasen am wenigsten für den Klimawandel verantwortlich sind, im Schnitt viel stärker den daraus resultierenden existenziellen Risiken ausgesetzt sind. Den Industrienationen stehen zudem mehr und ausreichend finanzielle Mittel und Technologien zur Verfügung, um sich vor den Folgen des Klimawandels zu schützen. Diese Ressourcen haben sie genau durch jene Aktivitäten angehäuft, die zu den klimatischen Veränderungen geführt haben.

Der Begriff entstand in den 90er Jahren im Rahmen der wachsenden Umweltbewegung und basiert auf Erfahrungen von Umweltungerechtigkeit und Umweltrassismus, die schwarze, indigene und benachteiligte Gemeinschaften erfuhren. Während die bürgerliche Mittel- und Oberschicht dafür kämpfte, ihre Wohnorte, Arbeitsplätze und Erholungsgebiete frei von Radioaktivität, Müll und Gift, Lärm, Luft- und Wasserverschmutzung zu halten, wurden die Sondermülldeponien, Atomendlager, umweltverschmutzenden Fabriken oder Autobahntrassen an den Stadtrand, in Indigenen-Reservate, Arme-Leute-Viertel und unwirtliche oder dünn besiedelte Gebiete verlegt, in denen häufig marginalisierte Gruppen lebten. Oder ganz in Länder des Globalen Südens exportiert. Gegen diesen „Umwelt- und Klimarassismus“ formulierte Ende der 90er der US-amerikanische Indianer und Klimaaktivist Tom Goldtooth vom Indigenous Environmental Network erstmalig die Forderung nach Klimagerechtigkeit und definierte so den Klimawandel als eine Frage der Menschenrechte und der Gerechtigkeit.

Der Environmental Justice Atlas der Autonomen Universität von Barcelona dokumentiert weltweit mehr als 2000 Fälle von sozialen Konflikte um Fragen der Umweltgerechtigkeit. Er liefert die wichtigsten Fakten zum jeweiligen Fall nebst ergänzenden Hintergrundinformationen und erzählt v.a. die Geschichten von Gemeinschaften, die sich weltweit für Umwelt- und Klimagerechtigkeit einsetzen. Dazu gibt es Karten zu Spezialthemen wie Fracking, Landnahme oder Bergbaukonflikte in Südamerika. Die Fälle können nach Kategorien (Wasser, Müll, fossile Energien, Landnahme, Privatisierung) Ländern recherchiert werden.

Klimagerechtigkeit in der Politik

In der öffentlichen politischen Debatte in Deutschland wurde der Begriff Klimagerechtigkeit erstmals im Jahr 2007 eingeführt und als einer der Grundpfeiler der zukünftigen, weltweiten Klimapolitik definiert. Auf dem Klimagipfel 2012 in Kopenhagen wurden drei Dimensionen der internationalen Klimagerechtigkeit festgemacht. Zum einen soll das Überleben aller Staaten durch die Begrenzung der Erderwärmung auf max. 2° Grad gesichert werden (das sog. 2 Grad-Ziel). Zum anderen sollen die durch den Klimawandel ausgelösten Lasten international gerecht verteilt werden. Und schließlich sollen alle Staaten die Möglichkeit einer gerechten Beteiligung an den klimapolitischen Transformationen und den damit verbundenen Chancen haben. Um nachhaltige Lösungen zur Bekämpfung der Folgen des Klimawandels global und gerecht umzusetzen, müssen alle drei Dimensionen zusammengeführt werden, d.h. Lasten, Risiken und Chancen des Klimawandels müssen gerecht unter den Staaten der Erde verteilt werden.

Besonders die kleinen Inselstaaten des Pazifiks weisen dabei immer wieder nachdrücklich darauf hin, dass bereits bei 2° Erderwärmung ihre Existenz durch den steigenden Meeresspiegels massiv bedroht sei. Sie fordern deshalb die Begrenzung der Erderwärmung auf max. 1,5°. Selbst dann ist mit dramatischen Folgen für das Wetter, den Meeresspiegel, die Artenvielfalt, die Ernten und die Wasserversorgung in vielen Regionen zu rechnen. Auf der Grundlage dieser Überlegungen wurde im Dezember 2015 auf dem Klimagipfel in Paris (COP21) von der Staatengemeinschaft ein Klimaabkommen beschlossen, das die Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter 2° C – möglichst auf 1,5°C – vorsieht.

 

Systemwandel statt Klimawandel

Die Industrienationen haben die letzten Jahrzehnte für den Aufbau ihres immensen Wohlstands genutzt, haben dabei insbesondere auf fossile Energieträger zurückgegriffen und massive klimatische Veränderungen in Kauf genommen. In Anbetracht von Hunger und Armut in vielen Regionen des Globalen Südens ist es verständlich, dass die Vertreter*innen der betreffenden Staaten das gleiche Recht auf wirtschaftliche und industrielle Entwicklung fordern, wie es die Industrieländer seit über 100 Jahren für sich in Anspruch genommen haben. Dabei wehren sich viele Ländervertreter*innen gegen kostenintensive Umweltauflagen, da die umweltpolitische Verantwortung aus ihrer Sicht bei den historischen Verursacher*innen des Klimawandels liegt.

Darüber hinaus ist der vom Klimawandel am stärksten betroffene Teil der Weltbevölkerung oftmals aufgrund mangelnder oder unzureichender  technischer, finanzieller und personeller Kapazitäten und Infrastrukturen kaum in der Lage, passende Klimaschutz- und Anpassungsstrategien zu entwickeln. Während z.B. die Bevölkerung auf Tuvalu oder in Bangladesch in steigenden Meersfluten untergeht, können in Europa zum Schutze der Menschen Deiche und schwimmende Städte gebaut werden. Die ohnehin bestehende globale Armut und Ungleichheit werden so verstärkt. Zudem sind diese Länder und Bevölkerungsgruppen (z.B. Indigene, Frauen, Kleinbauern) auf lokaler und internationaler Ebene in den entscheidenden Gremien und Debatten häufig unterrepräsentiert.
Der Umgang mit und die Anpassung an den Klimawandel kann folglich nicht losgelöst von Armutsbekämpfung und Entwicklungsfragen diskutiert werden und muss in ökonomische, gesellschaftliche und machtpolitische Zusammenhänge gestellt werden.

Oder wie es die kanadische Publizistin Naomi Klein einmal formulierte: Bei der Klimakrise geht es um nichts weniger als um Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima.

Wie aber kann eine globale Transformation von der Ära des ressourcen- und kohlenstoffintensiven Wachstums in eine Ära des ressourceneffizienten und kohlenstoffarmen Wirtschaftens schnell, global und gerecht für alle Staaten und Menschen vollzogen werden? Ein einfaches Weitermachen bietet keine Antworten: Deshalb ist die wachsende internationale Bewegung für Klimagerechtigkeit eng verbunden mit Konzepten von DeGrowth und Gemeinwohlökonomie, De-Kolonisierung und Anti-Rassismus, mit der Frage nach Menschenrechten und Geschlechtergerechtigkeit, mit Forderungen nach ökologischem Landbau, Fairem Handel und einem „Guten Leben für Alle“.

Intergenerationelle Gerechtigkeit

Dabei bezieht sich die Frage nach (Klima-)Gerechtigkeit nicht nur auf die jetzt lebenden Menschen, sondern auch und besonders auf die kommenden Generationen, die unter den Folgen klimatischer Veränderungen zu leiden haben werden, zu denen sie nicht oder nur unwesentlich beigetragen haben. Das bedeutet, es geht immer auch um eine intergenerationelle Perspektive. Unser heutiges Handeln hat massive Auswirkungen auf die nachfolgenden Generationen, die zu recht fragen:
Why should I be studying for a future that soon may be no more, when no one is doing anything to save that future?

Auch anderswo haben sich in den letzten Jahren jugendliche Aktivist*innen in sozialen Bewegungen für Klimaschutz, Klimagerechtigkeit und Systemwandel zusammengeschlossen, so z.B das junge U.S.amerikanische Sunrise Movement oder die Earth Guardians um den charismatischen 18jährigen Klimaaktivisten Xiuhtezcatl Martinez, der bereits mit 11 Jahren öffentlich gegen Fracking auftrat.